Bild mit winterlichen Farben zu einer Weihnachtsgechichte über Nordsee-Engel

Nordsee-Engel – Eine Weihnachtsgeschichte von Andrea Schneider

Während der letzten beiden Jahre hatte ich die Gelegenheit, die Nordsee-Engel ziemlich gut kennen zu lernen.

Wow…

Da kann man nur staunen: Die Nordsee-Engel vollbringen wahre Kunststücke! Diese Küsten-Engel sind in verschiedene Teams eingeteilt. Da gibt es zunächst die Gezeitenengel:

Ebbe und Flut sind uns allen bekannt. Aber haben wir uns schon einmal etwas nähere Gedanken darüber gemacht, was da alle sechs Stunden passiert? Ich jedenfalls gehöre zu der Gruppe von Menschen, die sich (in meinem Fall von Köln aus) nie Gedanken darüber gemacht hat, was da eigentlich Tag für Tag los ist an der Nordsee. Jetzt erlebe ich dieses Schauspiel täglich live und ich bewundere die Gezeiten-Engel sehr!

Sechs Stunden lang „rollt“ die Nordsee bedrohlich nahe Richtung Land und sechs Stunden später „rollt“ die gesamte Nordsee wieder zurück. Heerscharen von Engeln sind allein an diesem kleinen Meer damit beschäftigt, Milliarden Liter von Wasser Richtung Land zu schieben und wieder vom Land wegzurollen.  Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass ja die Nordsee wirklich nur einen ganz kleinen Teil der Weltmeere ausmacht…

Die Gezeiten-Engel haben einen unvorstellbar kräftezehrenden und äußerst schwierigen Job zu bewältigen, der noch dazu allerhöchste Konzentration eines jeden Team-Mitgliedes erfordert.

Da auch das tiefer liegende Wasser des Meeres mit Sauerstoff versorgt werden muss, braucht das Meer Wellen. Die Wellen entstehen, indem viele, viele Engel gemeinsam das Wasser mit ihren Flügeln vor sich her schieben.

Diese Aufgabe allein wäre schon schwierig genug. Erschwert wird die ganze Sache dadurch, dass die Gezeiten-Engel nicht zu sehr mit den Flügeln schlagen dürfen, denn dadurch entsteht Wind – im schlimmsten Fall könnte daraus  ein ausgewachsener Sturm werden.

Deshalb dürfen also nur voll ausgebildete Engel als Ebbe-und-Flut-Beauftragte eingesetzt werden. Aber natürlich brauchen gerade die Gezeiten-Engel sehr viel Nachwuchs, denn es werden abertausende von diesen Nordsee-Engeln benötigt, und das an 365 Tagen im Jahr!

Wenn also hunderttausende von Engeln stundenlang mit den riesigen Wassermassen beschäftigt sind, müssen sie immer die Küste im Auge behalten und zusätzlich ihre Flügelschläge exakt dosieren.

Vollständig ausgebildete Engel dosieren den Wind genau so, dass während der sogenannten Flut das Wasser nur bis zum Strand gespült wird.

Im Sommer funktioniert dieses Unterfangen in den allermeisten Fällen richtig gut, denn es sind bis auf wenige Ausnahmen nur Profi-Gezeiten-Engel im Einsatz. Jetzt packen die Chefs selbst mit an und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen möglichen Abteilungen werden während des Frühlings und insbesondere während des Sommers an der Nordseeküste der Inseln und des Festlandes eingesetzt.

Denn im Sommer werden an den Stränden sehr, sehr  viele Schutzengel gebraucht – es wird wirklich jeder Engelsflügel benötigt.

Ob ausgebildet oder nicht, das spielt überhaupt keine Rolle. Also werden zum Beispiel noch in der Ausbildung befindliche Gezeiten-Engel auch aushilfsweise während der Ferienzeit an der Nordseeküste tätig.

Die Azubis, die professionellen Schutzengel und die alteingesessenen Engel aus allen Bereichen kümmern sich um  abertausende von Urlaubern, die in jedem Jahr  die Strände an der Nordsee bevölkern. Diese Touristen sind schwieriger zu hüten, als ein Sack Flöhe! Das kann ich nur bestätigen, denn die Ferien-Bevölkerung der Strände konnte ich sowohl auf Norderney als auch auf Sylt selbst miterleben.

Die Urlauber legen sich zum Beispiel in die Sonne, ohne sich vorher mit Sonnenschutz eingecremt zu haben.

Die Sonnen-Schutz-Engel müssen dann schnell ein paar Wolken vor die Sonne schieben, damit die Touristen nicht im strahlenden Sonnenschein verbrutzeln.

Die Nordsee-Strand-Schutzengel haben während der Sommerferien auch irdische Verstärkung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft springen für die Schutzengel ein, die gerade den kleinen Kindern nicht von der Seite weichen dürfen.

Die Kinder sind zwar meistens mit ihren Eltern im Sommerurlaub, aber die Erwachsenen sind  manchmal so sehr damit beschäftigt, die Strandkörbe an den optimalen Standort zu schieben, dass sie es nicht bemerken, dass das Wasser inzwischen immer näher gerückt ist. Die Sandburgen der Kinder sind schon lange vom Wasser umspült und wenn die Schutzengel nicht wären, wären manchmal auch die Kinder „unter Wasser“, bevor es irgendjemand gemerkt hätte…

Die sogenannten „Buhnen-Schutzengel“ sorgen dafür, dass die Feriengäste sich bei auflaufendem Wasser nicht an den Buhnen verletzen, die bei hohem Wasserstand nicht zu sehen sind. Es sind zwar überall Warnschilder aufgestellt, aber diese Warnschilder dienen nur  der Stranddekoration – so denkt allem Anschein nach der größte Teil der Nordsee-Urlauber!

Nicht zu vergessen sind die „Nur-im-Urlaub-Schwimmer“, die sich trotz Ebbe viel zu weit hinaus treiben lassen. Mit diesen „Ferien-Schwimmern“ haben die Schutzengel ihre liebe Not, denn die schwimmlustigen Menschen merken nicht, in welche Gefahr sie sich selbst begeben.

Zu allem Übel tauchen gerade während der Ferienzeit vermehrt Badegäste auf, die beratungsresistent sind und sich über alle Belehrungen hinwegsetzen.

Ohne die unzähligen Schutzengel würde für viele Touristen die schöne Sommerzeit in einer Katastrophe enden…

Und jetzt sind wir wieder bei den Gezeiten-Engeln: Diese Gezeiten-Engel sind also unaufhörlich damit beschäftigt, das Wasser entweder auf- oder ablaufen zu lassen.

Wenn zu wenige dieser Ebbe-und-Flut-Beauftragten im Einsatz sind – weil sie beispielsweise bei den Schutzengeln aufhelfen müssen –  dann fällt die Flut schon einmal etwas geringer aus. Dies kann dann zur Folge haben, dass  auch die Ebbe etwas zu gering ausfällt und schon haben die Gezeiten-Engel ein riesiges Problem. Alles, was an Engel-Teams aus der Umgebung verfügbar ist, muss nun dabei helfen, die Wassermassen wieder Richtung Land in Bewegung oder besser gesagt „in Wellen“ zu setzen.

Das Problem kann sich zu einer besorgniserregenden Schwierigkeit entwickeln, wenn die Aushilfs-Engel zu sehr mit den Flügeln flattern und viel zu viel Wind entstehen lassen.

Und wenn nicht rasend schnell die Sturmflut-Vermeidungs-Engel zum Einsatz kommen, dann gerät das Ebbe-und-Flut-Geschehen völlig außer Kontrolle: Die Wellen sind nicht mehr aufzuhalten, sie verselbständigen sich und dann rollen sie nicht nur Richtung Land, sondern weit darüber hinaus.  Die Nordsee durchbricht die Dünen, denn die Wellen haben enorme Kraft und zerstören wertvolle Naturschutzgebiete.

Gegen diese Zerstörungskraft können selbst Millionen von Küstenschutz-Engeln nichts ausrichten.

Solche sogenannten Sturmfluten sind im Sommer eher selten, im Herbst und Winter dagegen kommt es häufiger zu solchen zerstörerischen Fluten.

Nicht nur deshalb, weil einige Engel-Teams aus anderen Bereichen zur Ebbe- und Flut-Bewältigung herangezogen werden, sondern weil  irgendwann neue Gezeiten-Engel ausgebildet werden müssen.

Dafür eignet sich besonders der Herbst und der Winter. Wie wir ja inzwischen wissen, müssen sich  die Schutzengel spätestens ab Ostern verstärkt um gestresste, unvorsichtige und uneinsichtige Feriengäste kümmern. Ab diesem Zeitpunkt ist selbst für die wichtige, umfangreiche Ausbildung der Gezeitenengel kein Zeitfenster mehr zu finden.

Ein weiterer Grund für diese gefährlichen Stürme ist folgender: Während des ganzen Jahres brauchen die „Elite-Engel-Teams“, die an der Nordsee eingesetzt sind, immer mal zwischendurch kurze Pausen, denn sie erledigen ja einen sehr anstrengenden Job. Als Pausenplätze dienen die Windräder, die überall an der Nordseeküste verteilt sind.

In der Himmelszeitung liest man vermehrt über das Phänomen, dass die Engel-Teams manchmal unwissentlich ein mittelgroßes Chaos anrichten: Genauso wie bei den Menschen setzen sich auch die Engel gerne zum Schwätzchen zusammen. Oder die Verschnaufpausen werden zu Team-Meetings genutzt, denn auch Engel-Teams untereinander (man mag es kaum glauben) befinden sich nicht selten an der Talsohle der Sympathie!!

Supervisionen, Coaching und auch die alljährlich stattfindenden Mitarbeiter-Gespräche sind weitere Nutzungsmöglichkeiten solcher Verschnaufpausen.

Wenn nun immer mehr und mehr Engel auf einem Flügel eines Windrades sitzen, dann dreht sich dieses Windrad immer schneller. Andere Engel kommen zwar zur Hilfe und setzen sich auf den zweiten und dritten Flügel des Windrades  aber das bewirkt dann leider, dass sich das Windrad noch schneller dreht.

Fatalerweise haben die Engel auf den schnell drehenden Flügeln des Windrades so viel Spaß, dass auch alle anderen Engelskolleginnen und -kollegen, die gerade in der Nähe sind,  ihre Freude am Windrad-Surfen entdecken.

Ihr könnt es euch sicherlich schon denken: Immer mehr Windräder drehen sozusagen durch! Dabei entsteht so viel Wind, dass die Gezeiten-Engel von einem Moment auf den anderen in riesengroße Schwierigkeiten geraten, weil der Wind die Wassermassen vor sich her treibt und die Sturmflut-Vermeidungs-Engel  nicht schnell genug ihren Einsatzort erreichen können.

Eine einzigartige Kettenreaktion setzt sich nun in Gang:  Je mehr Engel den Spaß des Windrad-Surfens erleben möchten, umso schneller drehen sich die Windräder und umso mehr Wind entsteht. Je mehr Wind, umso mehr Strom, je mehr Strom, umso mehr Überschuss an Strom, je mehr Überschuss an Strom, umso schneller werden die Windräder abgeschaltet, denn so viel Windenergie kann einfach nicht so schnell verarbeitet werden.

Hierzu muss noch angemerkt werden, dass das Windradsurfen sich solcher Beliebtheit erfreut, dass die Engel von einem Windpark zum nächsten umziehen und dadurch das Chaos so lange vergrößern, bis alle Windparks entlang der Nordseeküste nach und nach abgeschaltet werden müssen!

Inzwischen werden aber alle, wirklich alle verfügbaren Engel an der Küste benötigt, um die nächste Sturmflut verhindern zu können. Aber das ist ein schier unerreichbares Ziel, denn die Kettenreaktion setzt sich fort:

Routinemäßig nutzen alle Engel-Teams die unsichtbaren Stromleitungen als Fortbewegungsmittel. Sie rutschen normalerweise an diesen Leitungen entlang, um sich schneller fortbewegen zu können.

Durch das Abschalten der Windräder sind aber jetzt auch die Rutsch-Leitungen außer Kraft gesetzt und gerade jetzt rollt doch die nächste Sturmflut unaufhaltsam und ungebremst Richtung Küste!

Und: Wir wissen jetzt auch, warum es im „Auge des Sturms“ so unheimlich ruhig ist: Die Engel, die den Sturmflut-Bewältigungsengeln helfen sollen, fliegen nun so schnell es ihre Flügel zulassen zur Nordsee, denn rutschen können sie ja nicht mehr. Zum Glück müssen sämtliche Engel regelmäßig Stressbewältigungs-Seminare besuchen. Somit sind sie geübt darin, sich blitzschnell an neue Situationen anpassen zu können.

Deshalb fliegen sie beispielsweise vom Wattenmeer aus geistesgegenwärtig zum Damm, der nach Sylt führt, denn dort fährt ja die Bahn, die die  Engel ein Stückchen mitnehmen könnte. Was die Engel nicht im Voraus wissen können: Die Bahn fährt nicht mehr wegen des Sturmes!

Also müssen die Notfall-Teams noch schneller fliegen, wodurch noch mehr Wind entsteht!

Und wenn das Engelsgeschwader endlich am Einsatzort angekommen ist, dann sind alle „Sturmflut-Vermeidungs-Beauftragten“  so sehr außer Puste, dass sie ihre Flügel einfach nicht mehr bewegen können. In dieser kurzen Verschnaufpause ist es absolut windstill – das „Auge des Sturms“ ist also in Wirklichkeit die „Verschnaufpause der Engel“!

Und wenn sich die Engel ein wenig erholt haben, dann flattern sie so aufgeregt hin und her, dass es einleuchtend ist, dass diese Wassermassen nicht mehr aufzuhalten sind…

Folglich ist das „Land unter“ jetzt unvermeidbar – und das nächste Windradsurfen kommt ganz bestimmt!

Euch wünsche ich ein wunderschönes, friedliches und gesegnetes Weihnachtsfest, ohne Sturm, aber mit viel Ruhe…

Alles Liebe

       Andrea

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